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⑊ Stadtluft

Auszug aus dem Interview im Stadtluft Magazin #10
Das Gespräch führte Amac Garbe

Wenn ich an Dresden denke, denke ich immer an Teile. Die Stadt besteht aus Inseln, die nur durch sehr wenige Brücken miteinander verbunden sind. Und ich habe den Eindruck, dass es aktuell nicht unbedingt mehr werden. Der Blick geht oft zurück in die Vergangenheit und die Gegenwart dümpelt so vorbei - water under the bridge. Das Auge, das aus der Zeichnung zurück schaut, gehört Mary Wigman (aus einer Fotografie von Hugo Erfurth) und auch zwei andere Bilder von Alfred Stieglitz und Anton Bruhn aus der Online Sammlung des MK&G zu den Suchbegriffen ELBE, FRAU und DRESDEN sind hier eingewoben. Als Zeichnerin bin ich nie alleine mit meinem Blick auf die Welt, jeder Strich steht im Kontext mit anderen Positionen. Die Zeichnung vereint so also inhaltlich als auch faktisch verschiedene Zeitebenen. Das ist etwas, das aus meiner Sicht charakteristisch für Dresden ist. Aber neben dem Traditionsbewusstsein gibt es in Dresden auch schillernde Ideen für eine zukünftige Stadt -ich finde, dass wir diese Visionen noch mehr feiern können.

 

 

Ich erlebe die Dresden in diesem Jahr wahnsinnig erschöpft. 2025 war und ist ein Jahr, in dem die Stadt monatelang keinen Haushalt hatte. Gemeinschaftlich getragene Institutionen bangen um ihre Existenz, die Lebenshaltungskosten steigen kontinuierlich und wer eine Wohnung findet, kann eigentlich schon gleich wieder ausziehen, weil der Indexmietvertrag keine Lieder von Stabilität singt. Die Auswirkungen des Herrenberg-Urteils für viele Kultur-Institutionen und Kreativschaffende, die Corona Soforthilfe Rückzahlungsforderungen, die Kürzungen im sozialen Bereich und jetzt noch eine Haushaltssperre machen mürbe. Und das sieht man den Gesichtern auf den Straßen an. Da liegt etwas Verbittertes in der Luft, da kommen auch die schönsten Sterne nicht gegen an.

Was müsste sich ändern, damit Dresden für Kreative noch spannender wird?

Wir brauchen eine wirkliche Anerkennung kreativer Arbeit und Wertschätzung für unkonventionelle Lösungsansätze insgesamt. Wir müssen weniger Angst haben, auch mal Fünfe gerade sein lassen und Menschen feiern, die sich weit aus dem Fenster lehnen. 

 

Ich wünsche mir einen vehementen Einsatz gegen Rassismus und Rechtspopulismus. In Dresden fehlen die Stimmen vieler Menschen an den Tischen, an denen Entscheidungen getroffen werden, weil sie sich in der Stadt nicht sicher fühlen. Wenn in einer Stadt zentrale Plätze Woche um Woche den „Spaziergängen“ von Menschenfeinden frei geräumt werden, ist das keine klare Positionierung der Stadt für ein weltoffenes Dresden. Wir brauchen eine ernst gemeinte Offenheit der Stadt und konsequentes Handeln gegen menschenverachtende Positionen im öffentlichen Raum. Die Kultur-und Kreativwirtschaft lebt von der Vielzahl der Stimmen und nur diese Pluralität sorgt dafür, dass Diskurse lebendig bleiben und Menschen dazu kommen wollen. Wenn wir keine neuen Stimmen in unsere Diskurse holen, sind wir nur künstliche Intelligenz in ihrer langweiligsten Form: sie wiederholt, was alle schon wissen. Zusätzlich hält sich der hartnäckige Mythos, die Kultur sei eine dauernde Bittstellerin. Das Gegenteil ist der Fall: Die Kultur-und Kreativwirtschaft hat 2024 in Sachsen 4,8 Milliarden Euro Bruttowertschöpfung geschaffen. Sie schafft Umsätze weit über ihre eigene Branche hinaus. Wenn die Stadtpolitik es schafft, den inhaltlichen Reichtum der Kreativwirtschaft zu feiern, dann Strukturen dafür aufbaut und wirklich wahrnimmt, welchen Beitrag Kulturschaffende für die Stadt leisten, ist schon viel gewonnen. Und wenn dann die Weltoffenheit mehr als ein bloßes Lippenbekenntnis ist, dann kann das hier zu funkeln anfangen.

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